Noch nie wurden Menschen so alt wie heute. Noch nie hatten so viele Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung, ausreichend Nahrung und Bildung. Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen 200 Jahren weltweit nahezu verdoppelt. Österreich zählt nach wie vor zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung, einem der besten Gesundheitssysteme und einem sehr hohen Lebensstandard. Gleichzeitig lebt heute weltweit ein deutlich geringerer Anteil der Menschen in extremer Armut als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Wir gehören außerdem zu den ersten Generationen in Mitteleuropa, die ihr gesamtes Leben ohne Krieg im eigenen Land verbringen durften. Das erscheint selbstverständlich – historisch betrachtet ist es jedoch viel mehr die Ausnahme als die Regel.
Und trotzdem fühlen sich viele Menschen gestresst, überfordert oder unzufrieden.
Wie kann das sein?
Unser Gehirn ist nicht auf Glück programmiert
Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, Gefahren möglichst früh zu erkennen. Wer das Rascheln im Gebüsch ignorierte, wurde möglicherweise gefressen.
Deshalb richtet unser Gehirn bis heute seine Aufmerksamkeit bevorzugt auf Probleme, Bedrohungen und Verluste. In der Psychologie wird dabei vom Negativity Bias gesprochen - einer natürlichen Tendenz, Negatives stärker wahrzunehmen und im Gedächtnis zu behalten als Positives.
Diese Eigenschaft hat unser Überleben gesichert. Für unser heutiges Wohlbefinden ist sie allerdings nicht unbedingt hilfreich.
Wie hilft uns nun Dankbarkeit?
Dankbarkeit bedeutet nicht, schwierige Gefühle zu verdrängen oder belastende Lebenssituationen schönzureden. Es geht vielmehr darum, den Blick bewusst auch auf das zu richten, was bereits gut ist. Auf Menschen, Begegnungen, Fähigkeiten oder kleine Momente, die im Alltag oft untergehen.
Dadurch verschwinden Probleme nicht, aber sie stehen weniger im Fokus.
Mittlerweile gibt es auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zur Dankbarkeit.
Eine große Studie mit knapp 50.000 älteren US-amerikanischen Frauen zeigte, dass Frauen mit höherer Dankbarkeit während der Beobachtungszeit seltener starben als Frauen mit geringerer Dankbarkeit. Das beweist zwar keinen ursächlichen Zusammenhang, spricht aber dafür, dass Dankbarkeit ein wichtiger Gesundheitsfaktor sein könnte.
Weitere Studien fanden unter anderem positive Effekte auf:
- depressive Symptome
- Stressverarbeitung
- Schlafqualität
- Herz-Kreislauf-Gesundheit
- verschiedene Entzündungs- und Stoffwechselmarker
Dankbarkeit ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Sie kann diese jedoch sinnvoll ergänzen – und das praktisch ohne Nebenwirkungen.
Warum könnte Dankbarkeit wirken?
Wahrscheinlich greifen mehrere Mechanismen ineinander.
Dankbarkeit scheint einen positiven Kreislauf in Gang zu setzen. Wer häufiger Dankbarkeit erlebt, pflegt oft engere soziale Beziehungen, bewegt sich mehr, schläft besser und achtet stärker auf die eigene Gesundheit. Gleichzeitig fällt es leichter, Grübelschleifen zu durchbrechen und mit Stress umzugehen.
Positive Emotionen schaffen außerdem psychische Ressourcen, die uns helfen, mit Belastungen besser umzugehen.
Dankbarkeit kann man trainieren
Die gute Nachricht ist: Dankbarkeit ist nicht einfach eine angeborene oder Gott gegebene Eigenschaft. Sie lässt sich durch regelmäßige Übungen fördern und im Alltag bewusst kultivieren.
Gut untersucht ist das Dankbarkeitstagebuch. Bereits zwei- bis dreimal pro Woche drei konkrete Dinge aufzuschreiben, für die man dankbar ist, reicht in vielen Studien aus, um das Wohlbefinden zu verbessern. Wichtiger ist, es regelmäßig zu machen (z.B. 1 x pro Woche über einen längeren Zeitraum) als täglich, dafür nur eine Woche.
Achten Sie ebenso darauf, möglichst konkret zu werden, also beispielsweise „Ich habe heute das Kartenspiel mit meiner Freundin genossen“ statt „Ich bin dankbar, dass ich eine gute Freundin habe“.
Zum Schluss
Wir wissen heute aus der Forschung, dass unser Gehirn dazu neigt, das Negative überzubewerten. Dankbarkeit kann uns helfen, einen Gegenpol dazu zu entwickeln, um den Fokus wieder auf das Schöne, das uns (neben nicht zu verleugnenden Krisen) auch täglich umgibt, zu lenken.
Lust auf einen Versuch?
Vielleicht nehmen Sie sich heute ein paar Minuten Zeit. Setzen Sie sich – vielleicht sogar auf eine Bank mit schöner Aussicht – und fragen Sie sich: Was war heute schön? Wofür bin ich dankbar?