Schmerzwahrnehmung beim Reizdarm

Schmerzwahrnehmung beim Reizdarm

ReizdarmpatientInnen nehmen teils Darmwanddehnung als Schmerz wahr (Photo by 方 思硕 on Unsplash)

Viele PatientInnen mit Reizdarmbeschwerden haben eine Reihe von Untersuchungen hinter sich, um schließlich zu erfahren: „Gott sei Dank – Sie haben nichts!“. Meiner Erfahrung nach sieht das ein sehr kleiner Teil der Betroffenen tatsächlich rein positiv und ist beruhigt. Für viele PatientInnen ist es allerdings sehr frustrierend, Beschwerden ohne Erklärung zu haben und durch solche Wortmeldungen indirekt die Botschaft zu erhalten: „Sie bilden sich das alles nur ein!“

Es ist ja tatsächlich so, dass beim Reizdarm die üblicherweise durchgeführten Untersuchungen keine Ergebnisse liefern, die die Beschwerden erklären könnten.

In experimentellen Untersuchungen zeigen sich allerdings schon Veränderungen gegenüber der gesunden Normalbevölkerung.

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte „viszerale Hypersensitivität“. In Untersuchungen mittels Ballondehnung im Darm konnte gezeigt werden, dass PatientInnen, die an einem Reizdarm leiden, bereits bei wesentlich geringerer Ballondehnung Schmerzen verspüren als Gesunde. Diese Hypersensitivität ist übrigens mittels darmgerichteter Hypnose recht gut beeinflußbar.

Und wie kann es eigentlich dazu kommen?

Der Verdauungsapparat hat überall in seiner Darmwand Nervenendigungen. Diese werden üblicherweise durch Dehnungsreiz aktiviert und melden dem unbewussten Teil des Gehirn, wo sich Speisebrei bzw. der Stuhl gerade befindet. Das Gehirn kann mithilfe dieser Info dann den davor liegenden Darmabschnitten den Befehl geben, sich zusammenzuziehen, so dass der Darminhalt fortbewegt wird. Beim Gesunden wird diese Information unbewusst verarbeitet; bei Menschen mit viszeraler Hypersensitivität dürfte der „Filter“ zum bewussten Gehirn nicht so gut funktionieren und Dehnungsreiz wird als Schmerzreiz fehlinterpretiert.

Vermutlich ist der Grad der Hypersensitivität stressabhängig. So weiß man beispielsweise bei PatientInnen mit Sodbrennen, dass Reflux unter Stressbedingungen stärker wahrgenommen wird.

Die Conclusio?

Unter einer „psychosomatischen“ Erkrankung zu leiden, heißt keineswegs, sich Symptome einzubilden oder gar „verrückt“ zu werden.

Ganz im Gegenteil, wenn man genauer darüber nachdenkt, gibt es vermutlich keine Erkrankung, deren Verlauf nicht durch Körper, Psyche und das Umfeld beeinflußt wird.