Warum Beschwerden „echt“ sind – auch wenn alle Befunde normal sind

Patientin mit großem Stapel medizinischer Befunde sitzt gegenüber einer Internistin in der Ordination – Symbolbild für körperliche Beschwerden ohne erklärenden Befund.

Befunde normal – Beschwerden da (Bild von chatGPT)

Viele meiner PatientInnen kommen mit ähnlichen Geschichten zu mir in die Ordination: Sie spüren sehr deutliche körperliche Beschwerden, aber es gibt keinen erklärenden Befund, auch wenn oft ganze Mappen mit unterschiedlichsten Untersuchungen mitgebracht werden.

Laborbefunde, Stuhltests, Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen bis hin zu Spezialtests, die teils in nur wenigen Einrichtungen angeboten werden. Trotz dieser vielen Versuche hören sie am Ende: „Da ist nichts zu finden, auf das Ihre Beschwerden zurückgeführt werden können!“. Das ist natürlich wahnsinnig frustrierend und für Einige auch beängstigend, denn die Symptome werden ja nach wie vor wahrgenommen. Seien es unterschiedlichste Verdauungsstörungen, Erschöpfung, Herzklopfen, Schwindel, Verspannungen oder das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können.

In der Medizin finden wir solche Beschwerden sehr häufig. Viele deutlich spürbare Beschwerden entstehen nicht durch Krankheiten, die man in Untersuchungen eindeutig sehen kann, wie Entzündungen oder Tumore. Obwohl der Leidensdruck der Betroffenen oft groß ist, führen diese üblicherweise nicht zu einer eingeschränkten Lebenserwartung!

Doch wie kommen diese Symptome dann zustande?

Der Körper ist ein sogenanntes „lebendes System“ – ganz im Gegensatz zu beispielsweise einer Geschirrspülmaschine. Wenn diese nicht funktioniert, dann kann eine Person mit dem nötigen Expertentum normalerweise sicher den Fehler finden (wie ein verstopftes Sieb oder ein defektes Heizelement), beheben und das Gerät funktioniert wieder. Der Geschirrspüler hat aber den großen Nachteil, dass er sich nicht selbst reparieren kann.

Und hier kommt eine äußerst hilfreich „Superkraft“ unseres Körpers ins Spiel: er verfügt über Selbstheilungskräfte. Generell erschafft sich der Körper ja eigentlich selbst und hält sich selbst am Leben: es muss Energie (Essen) von außen zugeführt werden, damit der Stoffwechsel am Laufen bleibt; „kaputte“ Zellen und „Abnützungen“ werden repariert; Bakterien, Viren, aber auch Krebszellen, die immer wieder auch bei Gesunden entstehen, werden von unserem Immunsystem erkannt und bekämpft; das Nerven- und Hormonsystem hilft, dass sich der Körper ständig an wechselnde Bedingungen (wie Außentemperatur, körperliche und geistige Anforderungen,…) anpasst und Vieles mehr! Praktischerweise muss sich unser bewusster Verstand mit dem allen nicht einmal beschäftigen, sondern kann sich ganz anderen Dingen widmen!

Was der bewusste Verstand allerdings meist mitbekommt, ist, wenn zu viel an „Stressfaktoren“ auf den Körper einwirken und er einen Gang höher schalten muss, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Der Körper möchte mit aller Kraft verhindern, dass diese auf ihn einwirkenden Reize ihn ernsthaft bedrohen könnten. So bemerken wir es üblicherweise, wenn der Körper Fieber erzeugt, um Bakterien effektiver entgegentreten zu können. Wir spüren Schmerzen, wenn wir uns den Finger gebrochen haben, damit wir diesen schonen und der Körper dadurch die Fraktur schneller ausheilen kann. Und so registriert der Verstand meist auch, wenn das Herz schneller zu schlagen beginnt, wir flacher atmen oder Muskelverspannungen bekommen, wenn der Körper sich sich auf irgendeine andere Weise bedroht fühlt - auch wenn uns verstandesmässig nicht immer klar sein muss, was die Bedrohung darstellt.

Und so entstehen diese sogenannten „funktionellen“ Beschwerden, die eingangs von mir geschildert wurden.

Dass der Körper auf Umstände reagiert ist völlig normal und existenziell für unser Überleben. Es ist also auch keine „psychische Schwäche“, an ungeklärte Körperbeschwerden zu leiden, sondern zeigt nur, dass wir in einem lebendigen Körper stecken (und nicht in einem Geschirrspüler).

Und was kann man nun dagegen tun?

Auch wenn einige Betroffene den Eindruck gewonnen haben, dass ihnen ärztlicherseits mit dieser Art von Beschwerden nicht geholfen werden kann, ist es wichtig, diese mit einem Arzt/Ärztin zu besprechen, damit diese gemeinsam eingeordnet und in Ruhe erklärt werden. In meiner Ordination erlebe ich häufig, dass der Umgang mit Beschwerden leichter wird, wenn Patientinnen und Patienten verstehen, wie solche Körperreaktionen entstehen.

Oft schafft allein schon das Sicherheit und Entlastung. Wichtig ist es auch, veränderte oder neu hinzugekommene Symptome zu schildern, damit gegebenfalls Ihr Arzt oder Ihre Ärztin reagieren kann.

Man weiß allerdings, dass kaum Gefahr besteht, dass ernstzunehmende, dringend anders zu behandelnde Erkrankungen übersehen werden. Viel mehr gilt es, nicht ständig Untersuchungen zu wiederholen, weil dies keinen Mehrwert bringt, aber auch von den Betroffenen als belastend erlebt wird. Es darf auch nicht unterschätzt werden, welche Sorgen und Ängste durch irrelevante Zufallsbefunde entstehen, auf die man erst draufkommt, weil Untersuchungen gemacht werden, für die es eigentlich gar keinen Grund gegeben hat.

Eine vertrauensvolle ärztliche Betreuung ist daher meist eine wesentlich Grundlage im Umgang mit funktionellen Beschwerden.

Außerdem gibt es viele weitere Therapieoptionen, die je nach Beschwerdebild sehr hilfreich sein können: Atemtrainings, diverse Entspannungsverfahren, Medizinische Hypnose, Logopädie, Physiotherapie, Psychotherapie, aber auch gezielt Medikamente, um nur einige Möglichkeiten zu nennen.

Zusammenfassung

Sehr viele Menschen leiden unter körperlichen Beschwerden, obwohl in Untersuchungen kein Befund gefunden wird.

Diese Beschwerden sind echt und ernst zu nehmen, da sie die Lebensqualität stark beeinträchtigen können. Es gibt viele Therapieotionen, die je nach Beschwerdebild unterschiedlich eingesetzt werden können.