Was mit den Worten so mitschwingt

Idiolektik

In Gesprächen wird neben der Übermittlung von Worten Einiges an anderer Information vermittelt.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich immer wieder mit einem für mich sehr interessantem und neuem Thema beschäftigt – der idiolektischen Gesprächsführung.

 

Bei der Idiolektik handelt es sich um eine Lehre, die vom Arzt und Psychotherapeuten David Jonas im letzten Jahrhundert entwickelt wurde.

Im Gespräch wird dem Gegenüber stets mit Wertschätzung begegnet; für jedes Verhalten oder Symptom werden „gute Gründe“ angenommen.

Man geht dabei davon aus, dass in der Eigensprache des Individuums (dem „Idiolekt“) mit allen Eigenheiten wie Wortwahl, verwendete Redewendungen, Gestik, Mimik, Betonung,… unglaublich viel „unbewusstes Wissen“ mitvermittelt wird.

In Zeiten, als für die Diagnostik noch weniger Apparate zur Verfügung standen und die Ärzteschaft wesentlich mehr auf Beobachtung angewiesen war, war bekannt, dass Brustschmerzen, die auf Erkrankungen, die durch bedrohliche Durchblutungsstörungen des Herzens (wie ein Infarkt) ausgelöst wurden, durch PatientInnen selbst eher angezeigt werden, indem sie sich mit der Faust oder der flachen Hand auf die Herzgegend klopfen. Bei Brustschmerzen, die durch muskuläre Verspannung oder Nervenschmerzen bedingt waren, erfolgte die Geste eher mit den Fingerspitzen.

Dieser positive Vorhersagewert konnte in den 90er Jahren in einer Studie, die im British Medical Journal publiziert wurde, bestätigt werden.

Dies ist wirklich spannend, da Menschen auch mit durch Verspannungen verursachten Brustschmerzen oft sehr verunsichert sind und große Angst um ihr Leben haben. Auf einer unbewussten Ebene ist aber anscheinend vielen Menschen die (harmlose) Herkunft der Symptome klar.

Für Ärzte und Ärztinnen eröffnen sich neue Möglichkeiten, weil davon ausgegangen wird, dass PatientInnen unbewusst über eine „innere Weisheit“ zu ihren Symptomen verfügen, zu der sie allerdings bewusst (noch) keinen Zugang haben. Diese kann im Gespräch eben durch die bereits oben genannten sprachliche Eigenheiten, Gesten, Mimik etc sicht- oder greifbar werden.

Ein weiterer Grund, warum ich dringend hoffe, dass die Coronapandemie möglichst bald endet und wir irgendwann wieder ohne Masken arbeiten dürfen...