Gerade bei solchen – häufig als funktionelle Beschwerden bezeichneten – Symptomen, aber natürlich auch bei Erkrankungen mit strukturellen Veränderungen, spielt ein Faktor eine wichtige Rolle, der in der modernen Medizin lange unterschätzt wurde: die Qualität der Beziehung zwischen Patientinnen und Patienten sowie den Behandelnden.
Logischerweise kann ein gutes Gespräch Beschwerden nicht „wegreden“. Die Forschung liefert jedoch gute Hinweise darauf, dass die Art, wie medizinische Betreuung erlebt wird, den Krankheitsverlauf durchaus beeinflussen kann.
Was zeigen Studien?
Vertrauen in die Kompetenz der Behandelnden, ärztliche Empathie und eine gute Kommunikation sind mit besseren Behandlungsergebnissen verbunden.
Patientinnen und Patienten profitieren unter anderem durch:
- bessere Therapietreue
- mehr Verständnis für ihre Erkrankung
- weniger Angst und Unsicherheit
- eine bessere Nutzung positiver Effekte (wie den Placeboeffekt)
- insgesamt eine bessere Bewältigung chronischer Beschwerden
Interessanterweise profitieren nicht nur Patientinnen und Patienten. Auch die Arbeitszufriedenheit der Behandelnden scheint durch eine gute therapeutische Beziehung zuzunehmen.
Wichtig ist aber auch eine genauere Betrachtung der Dauer einer ärztlichen Konsultation: Nicht die Länge eines Gesprächs allein entscheidet über dessen Qualität. Ein zehnminütiges Gespräch kann hilfreicher sein als ein deutlich längerer Termin, wenn sich Patientinnen und Patienten verstanden fühlen, ihre Fragen beantwortet werden und sie die vorgeschlagene Behandlung nachvollziehen können.
Was bringt dieses Wissen?
Sieht man sich beispielsweise Beschwerden wie Reizdarm, zyklischem Erbrechen oder anderen sogenannten Störungen der Darm-Hirn-Interaktion reicht ein rein technischer Zugang meist nicht aus.
Denn moderne Forschung zeigt, dass Gehirn, Nervensystem, Immunsystem, Hormonsystem und Verdauungsorgane eng miteinander verbunden sind (Siehe auch: Wie Stress auf die Verdauung wirkt).
Mehrere Studien sprechen dafür, dass hier ein strukturierter, häufig multidisziplinärer Ansatz langfristig erfolgreicher sein kann als eine ausschließlich symptomorientierte Behandlung. Dazu gehören – je nach Situation – medizinische Betreuung, Diätberatung, Physiotherapie sowie psychologische oder psychotherapeutische Verfahren.
Bereits ein ausführlicheres Erstgespräch mit ausreichend Zeit für gegenseitiges Kennenlernen, eine verständliche Erklärung der möglichen Krankheitsmechanismen und das gemeinsame Festlegen realistischer Therapieziele kann dazu beitragen, den weiteren Behandlungsverlauf zu verbessern und unnötige Folgekonsultationen zu reduzieren.
Was können Sie als Patientin oder Patient nun tun?
Natürlich ist es wünschenswert, wenn Behandelnde über gute kommunikative Fähigkeiten verfügen. Eine gelungene therapeutische Beziehung entsteht jedoch immer gemeinsam.
Vor einer Konsultation kann es deshalb hilfreich sein,
- sich die wichtigsten Fragen zu notieren,
- offen anzusprechen, was Sorgen oder Ängste bereitet,
- ehrlich zu sagen, was im Alltag schwer umsetzbar ist,
- nachzufragen, wenn etwas unklar bleibt,
- eigene Ziele und Prioritäten zu formulieren.
Gerade bei chronischen Beschwerden ist Behandlung häufig ein gemeinsamer Prozess und weniger eine schnelle Reparatur.
Fazit
Viele Patientinnen und Patienten mit chronischen Beschwerden haben bereits zahlreiche Untersuchungen hinter sich. Manche haben erlebt, nicht ernst genommen zu werden. Andere befürchten, dass „nichts gefunden“ gleichbedeutend damit sei, dass ihre Beschwerden nicht real seien.
Ich halte es deshalb für wichtig, Beschwerden gleichzeitig ernst zu nehmen und ein modernes Verständnis von Körper, Nervensystem und deren Wechselwirkungen zu vermitteln.
Gute Medizin bedeutet aus meiner Sicht nicht nur, gefährliche oder lebensbedrohliche Erkrankungen auszuschließen. Sie bedeutet auch, Menschen dabei zu helfen, ihre Beschwerden besser zu verstehen, gemeinsam ein schlüssiges Behandlungskonzept zu entwickeln und dadurch wieder mehr Lebensqualität zu gewinnen.